Wir sind alle süchtig

Die wahren Alltagsdrogen sind überall und unvermeidbar!

Vor nicht allzu langer Zeit gab es für mich einen familiären Anlass, über das Thema Alltagsdrogen nachzudenken. Und anfangs war ich sehr mit mir zufrieden: Schon vor Jahren habe ich den Konsum von Alkohol komplett eingestellt (wobei er auch zuvor nie nennenswert war). Ich trinke so gut wie keinen Tee mehr, Kaffee habe ich nie getrunken, andere Getränke mit Ausputschmitteln wie Cola werden nur extrem selten getrunken. Weder habe ich jemals „richtige“ Drogen konsumiert noch geraucht (außer passiv in den Zeiten, als das Rauchen in Gaststätten noch gestattet war). An Medikamenten nehme ich im Schnitt vielleicht eine Schmerztablette pro Monat.

Man könnte meinen, ich wäre praktisch drogenfrei. Doch leider weit gefehlt. Die heute viel alltäglicheren Drogen gehen auch an mir nicht vorbei!

Vor allem ist da der Zucker. Streng genommen benötigt der Körper nur ganz kleine Mengen von mit der Nahrung aufgenommenem Zucker. Darüber hinaus hilft der Zucker uns nicht, er schadet nur. Und dennoch schütten wir ihn geradezu in uns hinein. Mehr als 30 Kilogramm Zucker pro Jahr, unsere Kinder teilweise sogar 50 Kilogramm pro Jahr.

Studien haben gezeigt, dass ein Übermaß an Zucker ähnlich wirkt wie Kokain. Einmal auf Zucker trainiert, will der Körper ihn immer wieder haben. Jede Aufnahme von Zucker schafft ein kleines „High“. Auf Zucker zu verzichten ist heutzutage viel schwerer, als es bei allen anderen zuvor genannten Drogen ist. Denn Zucker ist überall! In so ziemlich jedem Fertigprodukt, das man im Supermarkt kaufen kann, ist Zucker enthalten. Auch in solchen, bei denen man es gar nicht erwartet.

Die Gründe dafür sind vielfältig und durchaus verständlich: Zucker wirkt als Konservierungsmittel, ist vergleichsweise günstig zu beschaffen und es gibt eine ganze Zuckerindustrie, die viel Geld in die Vermarktung des Zuckers steckt – nicht nur beim Endverbraucher, sondern auch bei den Produzenten unserer Lebensmittel.

Eine echte Alternative zu Zucker gibt es nicht. Obwohl viele Firmen versuchen, das Problem nur dem Raffinadezucker zuzuschreiben und mit Begriffen wie „fruchteigenem Zucker“ oder „ohne Zuckerzusatz“ zu punkten. Zucker ist trotzdem enthalten, und fast immer in unnötig hohem Maße.

Gar keine Alternative sind künstliche Süßstoffe, von denen es mittlerweile eine unüberschaubare Vielzahl gibt. Sie sind bestenfalls eine Ersatzdroge für Diabetes-Patienten, aber keine Lösung. Wer seinem Körper ständig vorgaukelt, er bekäme lecker Zucker, aber stattdessen Chemie in sich hineinkippt, lebt meines Erachtens auch nicht gesünder, eher im Gegenteil. Da kommt der Körper erst so richtig durcheinander.

Wer auf Zucker weitestgehend verzichten möchte, kann sich auf eine langwierige Entwöhnung gefasst machen. Ungefähr drei Monate dauert es angeblich, bis sich der Stoffwechsel wieder normalisiert hat. In dieser Zeit ist mit üblichen Entzugserscheinungen wie Schlafstörungen, Unruhe und starken Stimmungsschwankungen zu rechnen.

Eine weitere aktuelle Alltagsdroge ist das, was ich als Medienkonsum zusammenfassen möchte. Also der regelmäßige, teilweise extensive Konsum der „geistigen“ Drogen Fernsehen, Streaming, Internet und Social Media. Die ständige Bombardierung des Gehirns mit riesigen Mengen an (meist nutzlosen) Geschichten und Informationen. Dutzende von Nachrichten pro Tag, noch mehr Updates von Abonnements bei Facebook, Twitter & Co. Hunderte „süße“ und „witzige“ Fotos und Videos, und dazu TV-Serien und Daily Soaps, die problemlos die gesamte Lebenszeit dutzendfach füllen können.

Was dabei verloren geht, ist jegliche Form der Selbstreflexion und der Ruhe. Kaum etwas führt zu so viel Kreativität wie eine gepflegte, störungsfreie Langeweile. Ein stundenlanger Spaziergang in der Natur ohne störendes Handy-Gepiepe. Das Hören instrumentaler Musik in einem abgedunkelten Raum. Doch wann kann man das heute noch genießen?

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