Allmorgendlicher Dosenfisch

Leute, fahrt mehr Bus und Bahn, dann wird es schön kuschelig!

Seit einigen Jahren wohne ich nun schon nicht mehr in der Stadt, in der unser Büro liegt, sondern in einem kleinen Ort in deren Nähe. Ruhiger ist es dort, geruhsamer, geradezu idyllisch. Fernab von jeder Hektik lässt es sich dort sehr angenehm leben. Nur einen Nachteil hat das Ganze: Ich wurde „Pendler“. Da ich es aus ökologischen wie ökonomischen Gründen ablehne, jeden Tag eine Tonne Blech und Plastik 15 km hin und her zu wuchten, musste ich mich in die Fänge des öffentlichen Nahverkehrs begeben.

Im Prinzip habe ich nichts dagegen. Die kurze Fahrt gibt einem morgens Zeit, um sich aufs Tagesgeschäft geistig vorzubereiten, und schafft abends Luft, um wieder zur Ruhe zu kommen. Manchmal trifft man Bekannte und führt anregende Gespräche. Doch leider scheinen sich die Betreiber unserer öffentlichen Nahverkehrsbetriebe in den Kopf gesetzt zu haben, die Geduld der Pendler immer weiter herauszufordern. Noch bin ich nicht sicher, ob es eher ein makabres psychologisches Experiment, ein Zeichen bloßer Zurschaustellung von Macht über den „schwachen“ Pendler, schlichtes Desinteresse oder absolute Unfähigkeit ist.

Als ich begann, regelmäßig die jetzige Strecke zurückzulegen, dauerte der Weg von Tür zu Tür noch weniger als 30 Minuten – ohne Umsteigen. Das Ganze in einem Bus, der zwar immer gut gefüllt, aber nie überfüllt war. Denn er fuhr oft genug. Mittlerweile, nach mehreren grundsätzlichen Änderungen an Routen und Fahrplänen, dauert der Weg von Tür zu Tür, wenn es wirklich perfekt läuft, 40 Minuten. Allerdings mit einmaligem Umsteigen, und genau dort liegt das Problem. Der Regionalzug hat regelmäßig eine Verspätung von ein oder zwei Minuten, womit der optimale Anschluss schon weg ist. Schon sind es 45 Minuten. Oder gar 50 Minuten.

Und selbst wenn es „perfekt“ klappt, macht die Fahrt wirklich keinen Spaß mehr. Denn die letzte Etappe erfolgt oftmals als Fisch in der Dose. Bis vor wenigen Jahren wurden selbst im dichtesten Berufsverkehr uralte Straßenbahnen von 1974 und 1977 eingesetzt – kurze Fahrzeuge, meist ohne Anhänger. Mittlerweile haben die Verkehrsbetriebe zwar viel Geld in neue, große Straßenbahnen investiert, doch jetzt in den Sommerferien hilft das auch nicht weiter.

Denn zum einen wirft eine Gleisbaustelle das Liniennetz komplett über den Haufen (dadurch ist eine der zwei Linien am Bahnhof nicht mehr sinnvoll nutzbar) und der Ferienfahrplan erhöht zusätzlich die Taktzeiten deutlich. Und das zu einer Zeit, wenn am Bahnhof mehrere stark frequentierte Regionalzüge gleichzeitig eintreffen und sich wahre Menschenmassen aus dem Bahnhof ergießen. Das Ergebnis ist regelmäßig eine komplett überfüllte Straßenbahn. Da wird gedrängelt und gequetscht, und der Schweiß fließt trotz Klimatisierung in den neuen Straßenbahnen in Strömen.

Regelmäßig bin ich gezwungen, die zweite Linie zu nutzen (einige Minuten später), die derzeit aber nicht mehr bis zum Büro fährt, sondern nur noch bis zu einem Knotenpunkt, an dem man in einen Ersatzbus umsteigen darf (einige Minuten Wartezeit). Dauert also noch länger, und ist mindestens genauso eng und kuschelig.

Da hört und liest man immer wieder, dass mehr Individualverkehr in der Stadt auf die öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen soll. Beim jetzigen Zustand des öffentlichen Nahverkehrs in meiner Region kann ich aber jeden gut verstehen, der darauf verzichtet.

Meist bin ich froh, dass meine Geburtsstadt eine vergleichsweise kleine und übersichtliche Stadt ist. Doch im Bereich des Nahverkehrs scheint es mir manchmal geradezu provinziell. Zwar gibt es ein Straßenbahnnetz, doch dieses ist schon seit Jahren völlig überfordert und hat ein gewaltiges Nadelöhr im Stadtkern. Der gesamte Nordwesten der Stadt ist nicht angeschlossen, und trotz jahrzehntelanger Diskussionen tut sich hier nichts. Nun sollen stattdessen bestehende Strecken um jeweils ein paar Hundert Meter verlängert werden, anstatt endlich die wirklich wichtigen Punkte wie die zweite Strecke in der Innenstadt und die Anbindung des Nordwestens anzugehen. Auf eine U-Bahn oder zumindest einige unterirdische Teilstrecken in der Innenstadt (wie in Hannover) muss man gar nicht erst hoffen.

Lieber spielen die Verantwortlichen mit Elektrobussen auf Induktionsbasis, versenken viele Millionen in die entsprechenden Busse und die notwendige Infrastruktur wie induktive Ladestationen, um damit genau eine (!) Linie zu bestücken. Wobei Elektrobusse, die im regulären Verkehr mitfahren müssen, niemals die Zuverlässigkeit und Schnelligkeit einer Straßenbahn erreichen können.

Aber ich bleibe tapfer! Jeden Tag stopfe ich mich zu allen anderen armen Pendlern in die Züge, Straßenbahnen und Busse. Damit der Schweiß im Sommer üppig fließt, und der Fisch in der Dose auch schön stinkt!

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