You can say you to me

Schulbildung ist nicht immer alles!

Ist Ihnen beim Lesen dieser Überschrift auch ein Schauer über den Rücken gelaufen? Fanden Sie sie witzig? Oder eher peinlich? Auch wenn diese gruselige Satzschöpfung gerne benutzt wird, um den Unterschied zwischen deutscher und englischer Anrede zu veralbern, so steckt dahinter doch ein weitgehendes Problem, vor allem in dem, was einem an einer deutschen Schule über Englisch (nicht) beigebracht wird.

Als ich das Gymnasium verließ und somit 9 Jahre lang Englischunterricht genossen hatte, teilweise sogar als Prüfungsfach, dachte ich eigentlich, man hätte mir die wichtigsten Aspekte dieser Sprache beigebracht, und vor allem: Keine Fehlinformationen. Leider weit gefehlt…

Seit nunmehr 30 Jahren beschäftige ich mich nun auch beruflich mit der englischen Sprache (meist als Konsument, oft aber auch als Produzent). Und fast diese ganze Zeit hat es gebraucht, bis mir endlich (und zufällig) eine der vielen Fehlinformationen bewusst wurde, die mir in der Schule beigebracht wurden.

Glaubte ich jahrelang, im Englischen würden sich alle duzen, so weiß ich mittlerweile, dass es genau anders herum ist: Es wird immer gesiezt! „How are you feeling?“ bedeutet direkt übersetzt „Wie fühlt Ihr Euch?“ (zweite Person Plural), sinngemäß im Alltagsdeutsch eher zu übersetzen mit „Wie fühlen Sie sich?“ – aber eben nicht „Wie fühlst du dich?“.

Wollte man im Englischen tatsächlich jemanden duzen, hieße es „How art thou feeling?“ Doch das macht schon seit langem kaum jemand mehr. Außer vielleicht im hohen Norden der britischen Insel, in Gebeten oder beim guten alten Shakespeare. Die Engländer haben einfach mal eine Form der Anrede als unnütz unter den Tisch fallen lassen und kollektiv beschlossen, einfach immer höflich zu sein!

Und faul, wie Englischsprechende oftmals sind, wurde eine möglichst kurze und einfache Universalform übrig gelassen. Wenn auch nicht frei von Missinterpretationsmöglichkeiten, da „How are you feeling?“ eben auch als echte Plural-Anrede genutzt wird, wenn eine ganze Gruppe gemeint ist.

Die einzige Unterscheidung zwischen formeller und informeller Anrede besteht darin, dass bei der formellen Anrede „Mr.“, „Mrs.“, oder „Ms.“ verwendet wird (teilweise auch „Sir“ oder „Madam“). Sobald es etwas vertrauter wird, wird stattdessen der Vorname verwendet, was aber nicht notwendigerweise informell sein muss, und noch lange nicht dem deutschen „du“ entspricht.

Entsprechend ist die Schwelle im Englischen zur Ansprache mit Vornamen auch wesentlich leichter überschritten als zum Duzen im Deutschen. Stellt sich jemand mit Vornamen vor, erwartet er auch als Antwort einen Vornamen.

Was bedeutet das nun für mich? Gerade jetzt, wo ich mir des Unterschieds bewusst bin, sehe ich die Unterscheidung zwischen „du“ und „Sie“ viel gelassener, ich kann sie viel besser würdigen und spüre keinen Drang mehr, auf Biegen und Brechen alle zu duzen. Ich finde es gut, dass es in der deutschen Sprache die Unterscheidung der beiden Anreden (noch) gibt, auch wenn ich finde, dass das „du“ durchaus wesentlich öfter genutzt werden könnte.

Es wäre schön gewesen, wenn das schon während des Englischunterrichts in der Schule thematisiert worden wäre. Das hätte mir Jahrzehnte falschen Sprachempfindens erspart!

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