Pünktlichkeit ist eine Zier

Warum hält sich niemand mehr an Zeiten?

Angeblich sind wir Deutschen ein Volk, welches Tugenden wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit hoch hält. Doch leider kann ich davon derzeit kaum etwas spüren, und es wird immer schlimmer.

Da wäre vor allem der öffentliche Nahverkehr. Dieses Thema wird schon öffentlich diskutiert: Kaum ein Zug, kaum ein Bus, kaum eine Straßenbahn fährt wirklich pünktlich. Mit „pünktlich“ meine ich den klassischen „Dienst nach Vorschrift“! Wenn also die Abfahrt laut Fahrplan 8.41 Uhr sein soll, dann erwarte ich, dass sich das Gefährt keinesfalls vor 8.41 Uhr, aber auch nicht viel später als 8.41 Uhr in Bewegung setzt – das ist immerhin ein Zeitfenster von 60 Sekunden. Dabei hat es egal zu sein, wieviel los ist!

Aufgrund der engen und unflexiblen Planung aller Fahrpläne ist dies allerdings kaum möglich. Zu Zeiten des Berufsverkehrs ist manchmal so viel los, dass allein das Ein- und Aussteigen mehrere Minuten dauern kann. Das müsste eigentlich bedeuten, dass der Bus oder die Bahn bereits entsprechend früher an der Haltestelle eintreffen muss (also beispielsweise um 8.39 Uhr), um pünktlich um 8.41 Uhr wieder abfahren zu können. Aber nein – zumeist wird mit „Ankunftszeit gleich Abfahrtszeit“ geplant. Das kann nicht funktionieren!

Außerdem werden die Fahrzeiten unabhängig von der Tageszeit geplant. Da benötigt der Bus nachts um 23 Uhr angeblich genauso lange für die 15 Kilometer lange Strecke mit mehr als 20 Haltestellen wie morgens oder nachmittags im dicksten Berufsverkehr. Wie soll das gehen?

Ein etwas lockerer gesetzter Fahrplan mit realistischen Fahrzeiten würde hier einiges bewirken. Aber das trauen sich die Verantwortlichen nicht, da dann nominell die Fahrtzeit erhöht wird. Praktisch wäre dies natürlich nur eine Anpassung an die realen Zeiten, aber trotzdem wird davor zurückgeschreckt. Lieber werden chronische Verspätungen in Kauf genommen.

Und ganz besonders schlimm wird es in unserer Stadt, weil hier Fahrscheine immer noch (fast ausschließlich) beim Fahrer gekauft werden müssen. Sogar Mehrfach- und Monatskarten kann man beim Fahrer kaufen. Haben Sie eine Vorstellung, wie lange es am ersten Schultag eines Monats dauert, wenn an einer Haltestelle 10 Fahrgäste mit Kartenkaufwunsch einsteigen, davon mehrere Schüler, bei denen der Fahrer zusätzlich jeweils noch eine Kundennummer abtippen muss?

Ticketautomaten sind zwar mittlerweile im Gespräch, aber erst einmal nur in den Straßenbahnen. Selbst an großen Hauptknotenpunkten, an denen regelmäßig 20 oder mehr Fahrgäste einsteigen, stehen immer noch keine Automaten. Sowas von ineffizient, vor allem, wenn man die Zeit in Betracht zieht, die alle Fahrgäste, die bereits an Bord sind, durchs Warten auf die neu einsteigenden Fahrkartenkäufer verlieren!

Doch nicht nur im Verkehr wird Pünktlichkeit nicht mehr ernst genommen. Auch in Funk und Fernsehen werden Zeiten bestenfalls noch als Richtlinien benutzt. Kaum eine Sendung fängt genau zu der Zeit an, die im Programm angegeben ist. Einige Minuten früher oder später ist schon der Regelfall. Vor allem bei den Privatsendern, aber zunehmend auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern.

Da beginnt die Nachrichtensendung im Radio nicht um Punkt 8 Uhr, sondern schon zwei Minuten früher – prompt verpasst. Ein Bericht soll angeblich um 21.30 Uhr ausgestrahlt werden, beginnt aber ohne erkennbaren Grund (keine Programmänderung!) erst um 21.40 Uhr. Was soll dieser Blödsinn?

Ich habe das Gefühl, dass die Programmverantwortlichen entweder absolut unfähig sind, ein Programm im Voraus exakt zu planen, oder uns ganz bewusst verarschen wollen. Denn wenn diese verlässliche Unpünktlichkeit absichtlich herbeigeführt wird, kann das eigentlich nur einem Zweck dienen: Eine mündige Planung des Fernsehgenusses zu verhindern.

Denn wenn Programmzeiten bestenfalls noch Richtwerte sind, ist eine bewusste, zielstrebige Auswahl von Einzelsendungen so gut wie unmöglich. So wird man gezwungen, neben den paar guten Sendungen auch noch eine unangenehm große Menge Müll drumherum zu sehen!

Für mich ist Pünktlichkeit wirklich eine Zier, denn sie macht allen das Leben leichter!

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