Des Loosers neue Kleider

Kleider allein machen noch keine Leute!

Mein Sohn hat mich kürzlich mit einer Bemerkung überrascht. Als wir morgens unterwegs zum Bahnhof waren, um ins Büro bzw. zur Universität zu fahren, kamen uns einige Passanten entgegen, einer davon in einem auffällig schicken Anzug mit weißem Hemd und Krawatte. Sein Kommentar dazu: „Der ist offensichtlich nicht wichtig genug!“

Woher kam diese Erkenntnis? Ich bin mir nicht bewusst, mit ihm schon einmal über meine Meinung zum Thema Kleidung (und vor allem Anzüge und Krawatten) gesprochen zu haben. Und trotzdem ist er offenbar der gleichen Ansicht wie ich: Jeder Mann, der einen Anzug trägt (oder vielmehr: tragen muss), kann einem einfach nur leidtun. Gleiches gilt natürlich auch für Kostüme und Hosenanzügen bei Frauen.

Der Anzug und das Kostüm sind die Arbeitsuniform der heutigen Büro- und Geschäftswelt. Millionen von Menschen werden von ihren Arbeitgebern genötigt, unverschämt teure, unbequeme und aufwändig zu reinigende Kleidung zu tragen. Am liebsten in dunkelblau oder dunkelgrau, mit weißem Hemd oder weißer Bluse, dazu noch eine Krawatte oder ein Tuch – fertig ist ein Büroroboter.

Und widersinniger weise führen einige Firmen dann im Gegenzug einen sogenannten „Casual Friday“ ein, an dem die Angestellten ausnahmsweise etwas legerer gekleidet bei der Arbeit erscheinen dürfen. Wie unsinnig – zeigt doch gerade diese, vielleicht wirklich gut gemeinte Geste, dass sich der Arbeitgeber durchaus bewusst ist, was seinen Angestellten mit den sonst geltenden, formalen Kleidungsvorschriften angetan wird.

Viele Unternehmen sind der Meinung, dass besonders gut gekleidete Angestellte das Ansehen des Unternehmens fördern, gegenüber den Kunden Verlässlichkeit und Seriosität ausstrahlen und so zu mehr Umsatz und besserer Kundenbindung führen.

Wenn ich allerdings als Kunde in ein Geschäft, eine Bank oder eine Versicherung gehe und mir steht dort ein Mensch in Anzug oder Kostüm gegenüber, dann denke ich nicht: Ist ja toll angezogen! So seriös! Da habe ich gleich ganz viel Vertrauen in die Beratung!

Im Gegenteil, ich denke: Was für ein armer Wicht, braucht einen edlen Fummel, um sich wichtig genug zu fühlen. Oder auch: Wie nötig muss dieser Mensch es haben, mir etwas zu verkaufen, dass eine solche Verkleidung notwendig scheint? Und dazu noch: Diesem Menschen gilt mein vollstes Mitgefühl – muss hier arbeiten und sich dazu auch noch derart verkleiden!

Da finde ich andere Unternehmen wesentlich angenehmer, die offen dazu stehen, dass ihre Mitarbeiter einheitlich gekleidet sein sollen. McDonalds beispielsweise. Oder die Deutsche Post. Da wird mit sinnvoller, praktischer Arbeitskleidung ein einheitliches Bild des Unternehmens mit hohem Wiedererkennungswert geschaffen, ohne dass die armen Mitarbeiter tausende Euro in Anzüge und Hemden investieren müssen.

Ich besitze übrigens einen Anzug. Genau einen. Und diesen auch schon seit mehr als 25 Jahren. Den habe ich zur Hochzeit meiner Schwester gekauft (oder besser: kaufen müssen) und hatte ihn seitdem nur wenige Male an. Wenn ich mich mal durch familiäre Zwänge genötigt sehe, mich etwas formeller zu kleiden, dann können es schon mal Hemd, Krawatte und Sakko sein. Aber nie freiwillig, sondern immer nur, weil andere es von mir erwarten (vor allem meine Frau). Und dann mit absolutem Widerwillen.

Wenn Kleider tatsächlich Leute machen, dann machen Anzüge und Kostüme Leute, die mir wirklich leidtun!

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Ein Gedanke zu „Des Loosers neue Kleider“

  1. Hallo Stefan

    das erinnert mich daran, dass ich meinen ersten und einzigen Anzug vor 11 Jahren zur Hochzeit eines Freundes gekauft hatte. Seitdem hatte ich ich noch 3-mal benutzt. Und er soll auch der letzte sein.

    Ich habe auch das Glück, dass meine bisherigen Arbeitgeber ganz lockere und der aktuelle gar keine Kleidervorschriften haben. Das macht das Arbeiten sehr angenehm.

    Mch weiter so mit deinem Blog :-).
    Claudio

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